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    Ein Jahr nach der Evakuierung von Grindavík auf Reykjanes

    Am 10. November 2024 jährt sich das verheerende Erdbeben, das die Stadt Grindavík auf der Reykjanes-Halbinsel erschütterte und eine Evakuierung von ca. 3.700 Bewohnern erzwang. Dieser Tag stellte die gesamte Gefühlswelt der Einwohner auf den Kopf und veränderte ihr Leben grundlegend. Die meisten von ihnen wohnen seitdem in anderen Orten, einige wenige haben die Stadt nie verlassen. Eine Vielzahl konnte ihr Haus oder Wohnung an den Staat verkaufen, bis zu 100 Einwohner kämpfen allerdings noch immer mit Wohnungsproblemen. Die Mietförderung des Staats läuft Ende des Jahres aus. Unternehmer in Grindavík erlebten, dass Banken ihnen Kredite verweigern, weil Wohnraum in der Stadt nicht für Hypotheken geeignet ist.

    Die Gesamtausgaben und Investitionen der isländischen Regierung für die Halbinsel Reykjanes werden in den Jahren 2023–2024 auf 80 Milliarden ISK geschätzt. Davon wiegt der Beitrag des Finanzministeriums zum Ankauf der Häuser der Grindaviks über Þórkatla mit 51,5 Milliarden ISK den größten Teil. Die Gesamtkosten für den Bau der Lavaschutzmauern in Grindavík und Svartsengi belaufen sich auf 9,9 Milliarden ISK.

    Seitdem prägen Erdbebenserien, Magma-Ansammlungen, sechs Vulkanausbrüche und der Bau von Lavaschutzmauern die Region. Auf Druck des Grindavik-Komitees und der Wirtschaft in Grindavik wurde die Siedlung in Absprache mit dem nationalen Polizeikommisar am 21. Oktober 2024 wieder zugänglich, nachdem sie fast ein Jahr für die Öffentlichkeit gesperrt war.

    Hier folgt eine Chronologie der Ereignisse, die zur Evakuierung am 10.11.24 und schließlich zum ersten Vulkanausbruch am 19.12.24 führten. Am Ende des Artikels sind meine Dokumentationen aus dieser Zeit angefügt. Sie entstanden in wohl über 30 Fahrten, bei denen ich die Sperrpfosten in Richtung Grindavik überquerte.

    Chronologie der Ereignisse im Oktober und November 2023

    25.10.: Seit Mitternacht wurden Schwarmbeben in der Gegend um Þorbjörn und Fagradalsfjall, etwa tausend Erdbeben registriert. Es wird der Grad der Unsicherheit aufgrund der Erdbeben ausgerufen.

    28.10.: Landhebung startete in der Gegend um Svartsengi

    05.11.: Der Evakuierungsplan für Grindavik liegt vor

    07.11.: In den letzten 24 Stunden wurden auf der Halbinsel Reykjanes etwa 900 Erdbeben registriert, die meisten davon im Gebiet zwischen Þorbjörn und Sýlingafell. Das stärkste Erdbeben hatte eine Stärke von 2,9.

    08.11.: Eine Arbeitsgruppe aus Ingenieuren und Wissenschaftlern hat eine Analyse der Infrastruktur durchgeführt und Vorschläge für Verteidigungsmaßnahmen gegen einen möglichen Vulkanausbruch auf der Reykjanes-Halbinsel erarbeitet und eine Zeichnung für den Bau einer Lavaschutzmauer um Svartsengi vorgelegt.
    Eine neue Webcam von mbl.is ist auf Þorbjörn installiert und blickt nach Norden in Richtung Svartsengivirkjun und Blaue Lagune, die in dem Gebiet liegen, in dem die meisten Erdbebenaktivitäten beobachtet wurden.

    09.11.: Kurz nach ein Uhr in der Nacht ereignet sich das stärkste Erdbeben mit 5.0 auf der Richterskala mit den bekannten verhehrenden Folgen von Rissbildungen in Grindavik und Umgebung. Grindavikings fliehen in der Nacht auf die Straße. Die ersten durch die Erdbeben verängstigten Gäste fliehen aus der Blauen Lagune, die am nächsten Tag geschlossen wird wie das Hotel Northern Light Inn auch.
    Die ersten Vorbereitungsarbeiten für eine Lavaschutzmauer beginnen.

    10.11.: Durch das Eindringen von Magma hat sich an mehreren Stellen in und um Grindavík ein großer und langer Spalt geöffnet, der teilweise unterhalb von Gebäuden verläuft.
    Auf Nesvegur haben sich zwei tiefe Löcher gebildet gebildet.

    10.11.: Nach dem Erdbebenschwarm wird die Evakuierung Grindaviks mit seinen ca. 3.700 Bewohnern angeordnet. Die Grindavikings fliehen aus ihren Häusern und suchen Schutz in einer Hilfsstation des Roten Kreuzes.

    11.11.: Die beiden Geothermiekraftwerke auf Reykjanes werden stillgelegt.
    Der Reaktionsplan der Regierung und der Tourismusbranche zur Sicherheit von Touristen wird aktiviert.

    18.11.: Eröffnung Medienzentrum in Hafnarfjördur auf Reaktion von Beschwerden der Medien, die nicht nach Grindavik gelassen werden. Es wird zunächst Pooling vereinbart, d.h., dass nur ein Kamerateam in den Ort darf und alle Bilder teilen muss.

    23.11.: Notfallstufe wird auf die Gefahrenstufe heruntergestuft, da die Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen Ausbruchs innerhalb von Grindavik abnimmt.

    26.11.: Der mit Abstand größte Teil des Magmatunnels bei Svartsengi ist verfestigt.

    30.11.: Es wird mit dem Befüllen des großen Risses in Grindavik begonnen.

    12.12.: Der Bau der Lavaschutzmauer ist weit fortgeschritten.

    15.12.: Deutlicher Buchungsrückgang in der Tourismusbranche.

    16.12.: Die Landhebung an Svartsengi hat sich deutlich verlangsamt.

    19.12.: Vulkanausbruch, der um 22:17 Uhr an den Sundhnúkur-Kratern zwischen Sýlingarfell und Hagafell begann. Die Erdbeben begannen eine Stunde vorher gegen 21 Uhr Uhr im Magmakorridor nördlich von Grindavík. Die Spalteneruption hatte anfangs eine Länge von ca. 4 Kilometer.

    Hier folgt der mit Google übersetzte Zukunftsbericht des Premierministers zur Halbinsel Reykjanes. Aufgrund der maschinellen Übersetzung kommt es zu Transkriptionsfehlern, aber trotzdem werden die Kernaussagen treffend wiedergegeben.

    Fotostrecke Rissbildung in Grindavik nach den Erdbeben Anfang November 2023

    Der Bürgersteig wurde auseinandergezogen
    Massiver Riss mit Unterhöhlung an einem Haus
    Riss über den Grindavikurvegur
    Das Gebäude wurde ca. um 1m nach unten versetzt
    Auch dieses Restaurant wurde im vorderen Teil um ca 1m nach unten gesetzt.
    Es ist von Rissen und tiefen Hohlräumen umgeben.
    Dieser Spielplatz wurde abgesenkt und teils auseinandergerissen

    Pressekonferenz im Medienzentrum in Hafnarfjördur

    Die Medien aus dem In- vorallem aber Ausland äußerten ihren Unmut, da der Polizeichef von Sudernes zunächst eine Mediensperre im Gebiet verhängt hatte. Dann wurde teilweise ein Pool gebildet, das heißt, es durften ein Kamerateam und ein Fotograf ins Katastrophengebiet und mussten ihre Bilder mit allen teilen. Daraufhin wurde ein Medienzentrum eingerichtet, das jederzeit für Medien zugänglich war und über Arbeitsräume verfügte. Mitarbeiter von Ferðamálastofa und Íslandstofa waren vor Ort und sorgten für Bereitstellung von Informationen. Ebenso waren Experten oder Regierungsvertreter vor Ort, um Fragen zu beantworten.

    Hier war ich u.a. am 19.12.2023 zu einer Pressekonferenz mit Prof. Magnús Tumi Guðmundsson (Geophysiker und Professor an der Universität Háskóli Íslands in Reykjavík), der aus wissenschaftlicher Sicht die seismischen und vulkanischen Vorgänge erklärte. Dann war Ingibergi Þóri Jónsson da (evakuierter Grindaviking, der als erster am 12.11. den langen, großen Riss durch Grindavik mit seiner Drohne aufnahm). Er erzählte aus der Sicht eines Evakuierten, wie er sich Nächte lang mit Erdbeben auseinandersetzen musste und letzten Endes mit seiner Familie evakuierte. Und Christo du Plessis (CEO der Matorka-Fischfarm in Grindavik) erzählte aus wirtschaftlicher Sicht, welche Auswirkungen die Erdbeben auf die Fischfarm hatten und wie er sich mit Arbeitern ein kleines Zimmer vor Ort teilte.

    Magnus Tumi (links) und Dagbjartur Brynjarsson (rechts) Ferðamálastofa
    Unten: links Ingibergur Thor und rechts Christo du Plessis

    Die erste Pressetour nach Svartsengi

    Diese Pressetour war die allererste, bei der Medienvertreter in Konvoi in Richtung des Vulkanausbruches, der am 19.12.2023 begann, geleitet wurden. Und dies war für mich der Beginn von unzähligen durch das ICE-SAR-Rettungsteams oder der Polizei begleiteten Pressetouren, die ich von Dezember 2023 bis Juni 2024 unternommen habe. Danach erhielt ich eine gesonderte Lizenz, die es mir erlaubt, mich alleine im Ausbruchsgebiet aufzuhalten.

    Allerdings hatte ich schon in diesen vielen Monaten eine Berechtigung, mich im gesamten Katastrophengebiet frei aufzuhalten. In dieser Zeit und alleine unterwegs sind auch die meisten meiner Dokumentationen entstanden.

    Eine spezielle Lizenz erfordert nicht nur obligatorische Dinge wie Presseausweis, gelbe Warnweste, Pressekennzeichnung des Autos, sondern besonderes Equipment wie Gasmaske, CO2-Warnmeldegerät, die sehr schwer zu erhaltende Desaster-Card und ein Tetra-Funkgerät mit GPS-Ortung (dass die entsprechenden Stellen jederzeit wissen, wo ich mich aufhalte) – wofür ich die Berechtigung erhalten musste, dass es in den Polizei- und Rettungs-Notfunk einprogrammiert werden darf (noch schwerer zu erhalten). Das sind auf der einen Seite recht hohe Kosten zur Beschaffung des Equipments und eine sehr lange Abfolge von zu beantragenden Lizenzen, wobei man vorher nicht weiß, ob man sie erteilt bekommt.

    Der Pressetrupp auf dem Grindavikurvegur
    Die erste Lavaschutzmauer, die errichtet wurde und den Namen L1 trägt.

    Meine Dokumentation zum Bau dieser Lavaschutzmauer findest du hier.


    Die Pressegruppe am Rande des Lavafeldes.

    Þröstur Bragason von EFLA-Ingenieurs ist gefragter Interviewpartner. Über seine Arbeit habe ich hier geschrieben.

    Januar-Februar 2024

    Ein Lavastrom erreicht das nördlichste Grindavik und überfließt drei Häuser. Es floss auch zum ersten Mal Lava über den Grindavikurvegur und die Warmwasserleitungen wurden beschädigt, die Strommasten waren in Gefahr. In Reykjanesbaer gab es in dieser Zeit über Tage weder Warmwasser noch funktionierte die Heizung. Innerhalb kürzester Zeit wurde eine Straße über die noch heiße Lava gebaut und ein neues Rohrsystem geschweißt. Meine Doku dazu hier und auch ganz unten.

    Der Bau von Lavaschutzmauern hat bisher das wichtige Geothermiekraftwerk in Svartsengi und andere Infrastrukturen umfassend geschützt und hat sich somit als richtig erwiesen. Einige Mauern sind auch als Leitwälle gedacht, um die Lava umzuleiten. Die umfassendste Dokumentation, die jemals erstellt wurde über die Lavaschutzmauern, könnt ihr hier aufrufen.

    Polizeistation in Grindavik. Treffpunkt für alle Einsatzkräfte. Gute Versorgung ist gesichert.

    März 2024

    Die Mine Melholsnama wurde überflossen. Ich habe eine weitere Doku über das Drohnenteam von Polizei und EFLA-Ingenieuren geschrieben. Diese auch ganz unten.

    Mai 2024

    Die Lavaschutzmauern werden weiter erhöht. Über eine fließt Lava. Es wird immerwährend an der Ausbesserung der Infrastrukturschäden gearbeitet. Einige Strommasten sind durch neue Lavaflüsse unbrauchbar geworden.

    Juni 2024

    Grindavaikurvegur wird erneut überflossen. Die Lavaschutzmauer L1 wird erweitert und erhöht. Auch dzau meine Doku ganz unten.

    Juli 2024

    Die Lavaschutzmauer L6 wird weiter erhöht. Meine Doku über die Zerstörung des ORF-Genetic-Gewächshauses ist fertig.

    Oktober 2021

    Seit dem 21. Oktober ist Grindavik für die Öffentlichkeit zugänglich, auch durch das Bemühen des Grindavikkomitees und der Wirtschaft in Grindavik. Zwei-drei Geschäfte haben geöffnet.

    Eine interessierte Schülergruppe sieht sich die Ausstellung des Fotografen Sigurður Ólafur Sigurðsson am Eingang von Grindavik an. Er fotografierte für Landsbjörg und Notfallthemen und so auch – zum ersten Mal am 20.11.23 zur Einwohnerversammlung in Grindavik. Und erstellte ein Buch darüber – die Ausstellung zeigt Fotos aus seinem Buch.
    Gefährliche Bereiche in grindavik wurden umzäunt
    Hinweisschilder auf Fluchtwege hinaus aus Grindavik
    Der Polizeipräsident von Sudurnes sagt, dass Grindavik kein Ort für Kinder ist und diese jederzeit zu beaufsichtigen sind.
    Bei der Arbeit unterhalb des Berges Hagafell im Oktober 2024

    Veranstaltungen am 10. November – ein Jahr danach

    Anlässlich des Tages finden verschiedene Veranstaltungen statt. Unter anderem eine Wanderung, ein Treffen in Kvikan, dem Kulturhaus in Grindavik, ein Konzert des Frauenchores in Hljomahöll und am Abend gibt es einen Gottesdienst in der Kirche in Grindavik. Dort wird nicht nur die Pfarrerin, sondern auch die Präsidentin Islands sprechen sowie Vertreter des Grindavik-Komitees und der Basketball-Mannschaft.

    Außerdem wird das „Licht der Hoffnung“ angezündet, ein Lichtwerk, das unterhalb dem Kulturhaus Kvikan, installiert wird. Das Werk zeigt die Ziege, die im Ortsschild von Grindavík verankert ist. Der Optimismus und die Widerstandskraft, die die Grindvíking stets auch in herausfordernden Zeiten bewiesen haben, spiegeln sich in diesem Werk wider. Es steht als Symbol für die Gemeinschaft in Grindavík – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

    Dokumentationen im Ausbruchsgebiet

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